defamation

Es gibt wohl kaum ein Thema, das stärker emotional, historisch oder moralisch aufgeladen ist, als die Frage, in welchem Verhältnis Antisemitismus und Zionismus heute zueinander stehen. Der Hass auf Juden und die Verärgerung über die Politik des Staates Israel ist und bleibt in der öffentlichen Auseinandersetzung ein Minenfeld. Umso beachtlicher ist es, dass sich der israelische Dokumentarfilmer Yoav Shamir auf ebendieses Feld gewagt hat, um einige der Sprengfallen zu entschärfen oder zumindest ihre Position deutlich zu markieren.

„Defamation” heißt sein Film über die Besessenheit der israelischen Gesellschaft  von der Suche nach Antisemitismus, über die Kontroverse um jüdische Lobbys in den USA, über die Aktualität antisemitischer Angriffe heutzutage, und vor allem über die verbitterte Auseinandersetzung um diese Themen, in der meist nur schrille Töne durchdringen.

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Auf der einen Seite der Auseinandersetzung steht Abe Foxman, Vorstand der jüdischen Anti-Defamation League und passionierter Kämpfer gegen jegliche Formen des Antisemitismus. Er tritt wortgewaltig auf, sobald irgendwo jemand den Holocaust mit einem anderen Genozid vergleicht, um klarzustellen: „Let’s not have this ‚my genocide, your genocide’ discussion.” Foxman ist ein Holocaust-Ãœberlebender, der seine Mission gefunden hat im Kampf gegen das Gespenst eines neuen Holocausts, aber auch gegen jeden, der die Politik Israels kritisiert.

Sein Abziehbild mit negativen Vorzeichen ist der Intellektuelle Norman Finkelstein, der überzeugt ist, dass die „Holocaust Industrie” das Leid, das den Juden während der Shoah zugefügt wurde, nun im Namen der aggressiven Außenpolitik Israels missbraucht. „Das Leiden wird um eine Keule gewickelt, um mit dieser Keule die Schädel unschuldiger Palästinenser einzuschlagen,” versteigt sich Finkelstein, der aufgrund seiner Ansichten seine Professoren-Stelle verloren hat.

Eins wird deutlich in „Defamation”, die Diskussion ist bitter nötig. Häufig wechselt die Perspektive, und viele Stereotype werden enttarnt. Zum Beispiel wenn die moderatesten und rationalsten Beiträge zur Sache von Rabbis kommen. Ein Geistlicher stellt fest, dass es meistens nicht die orthodoxen Juden sind, die sich dem Kampf gegen den Antisemitismus verschreiben, sondern kaum religiöse Juden, die so ihre jüdische Identität ausleben können.

Bewegend und zugleich erschreckend sind die Szenen, in denen Shamir eine israelischen Schülergruppe bei ihrem Besuch in der Auschwitz-Gedenkstätte begleitet. Die Gruppe wird stets von einem Sicherheitsexperten aus Israel begleitet, um die Teenager vor wilden Neonazis und anderen feindlich gesinnten Polen zu schützen. Die Geschichtsvermittlung durch den Lehrer ist sehr plastisch und wird später von einem Beteiligten als Fortführung des Todeskults der Nazis beschrieben.

Regisseur Shamir empfiehlt der israelischen Gesellschaft am Ende von „Defamation” dann auch, den Blick nicht mehr permanent in die Vergangenheit zu richten, sondern abwechslungsweise mal in die Zukunft. Das Minenfeld bleibt also vorerst bestehen, nur immerzu durchlaufen muss man nicht.

Defamation läuft derzeit im Dokumentarfilm-Wettbewerb des Zürich Film Festivals, und wurde auch auf der Berlinale 2009 gezeigt. Ein offizieller Veröffentlichungstermin steht noch nicht fest.